Wie Niederlagen zum Erfolg führen können. Ein erfolgreicher Unternehmer macht Pleite, er verliert alles. Doch seine fatale Niederlage verwandelt sich in eine neue Lebensaufgabe

Ein Interview mit Felix Maria Arnet

Sie sind als Business Coach tätig, d.h. naturgemäß vor allem, um Ihre Klienten erfolgreich zu machen. Wieso tragen Sie dennoch mit so viel Leidenschaft vor, wie wertvoll das Scheitern ist?

Persönliches Wachstum ist das Ergebnis von Erfolg und Scheitern, von Lust und Frust, von Schönheit und Schmerzen gleichermaßen. Ich wäre kein guter Berater, wenn ich dies verschweigen würde. Allerdings möchte ich betonen: Ich spreche dabei nicht von den krachenden Niederlagen, sondern von dem, was verhindert, dass aus Krisen Katastrophen werden.

Wie leicht lässt sich der Charme des Scheiterns vermitteln?

Natürlich ist das kein Zuckerschlecken. Immerhin sprechen wir hier von einem kulturellen Stigma. Der Soziologe Richard Sennett nennt das Scheitern das „große Tabu der Moderne“. Zunächst einmal bin ich selbst das beste Beispiel für den Charme des Scheiterns. Wenn ich als ­erfolgreicher Coach unaufgeregt und offen über mein Scheitern als Unternehmer spreche, sorgt das für Glaubwürdigkeit und entspannt die Atmosphäre. Man muss dem Thema zunächst einfach mal das Skandalöse nehmen. Dann weise ich darauf hin, dass das Scheitern wesentlich zu Lernprozessen, ja zu allen schöpferischen Prozessen, Innovationen und Entdeckungen dazugehört. Zum Beispiel frage ich: „Könnten Sie heute laufen, wenn Sie als Kleinkind nach dem ersten Sturz auf die Nase von diesem frustrierenden Unterfangen abgelassen hätten? Oder Rad fahren? Oder Ski ­laufen? Oder kännten wir Penicillin, das Post-it, die Röntgenstrahlung, geschweige denn Amerika?“ Das Prinzip von Trial-and-error ist eine wissenschaftliche Methode. Niederlagen und Fehler gehören zum Leben und zum Lernen, Punkt.

Nun ist es etwas anderes, ob man sich die Knie aufschrammt, eine Experimentreihe verhaut oder ein Unternehmen oder eine Ehe an die Wand fährt…

Natürlich. Aber all diesen Krisen kommt man mit denselben ­Methoden bei. Zum Beispiel tendieren beinahe alle Menschen dazu, in der extremen emotionalen Belastung durch eine Krise auch extrem emotional zu handeln, d.h. sie reden die Situation schön, geben anderen die Schuld, treffen schnelle Entscheidungen aus dem Bauch heraus, versuchen, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, mit Gewalt etwas durchzusetzen. Es ist ­wissenschaftlich erwiesen, dass die phylogenetischen Gehirnzentren, die uns zu analytischem Denken befähigen, während Krisen blockiert sind. Wir handeln dann nach uralten Instinkten.

In der Krise sind wir also wieder Höhlenmensch. Wie kommt man wieder aus der Höhle ans Licht?

Man muss einen Punkt machen und die Situation radikal akzeptieren. Zudem muss man das Handlungstempo verlangsamen. ­Wohlgemerkt, verlangsamen, nicht das Handeln insgesamt aus der Hand geben. Denn natürlich liegt alles an einem selbst. In der Krise ist man vor allem eines – allein. Das ist eine ziemlich trübe ­Aussicht. Kann in der Krise wirklich niemand helfen? Wenige, und vor allem selten die, von denen man es erwarten würde, Freunde, ­Familie, Geschäftspartner, Banken. Sie sind alle unmittelbar und mittelbar von Ihrer Krise betroffen und damit Partei. Ich selbst beschreibe das so: Scheitern fühlt sich an wie eine leere Stadt – keiner mehr da. Deshalb sollte man sich zuerst selbst einen Überblick über die Lage und das Problem verschaffen. Ich nenne das den Helikopterblick. Aus der Höhe wirft man einen Blick auf die Landschaft, um sich eine Karte des Scheiterns zu zeichnen. Was führt hier zu wem, was behindert, was täuscht, was kann Erleichterung verschaffen, was kann ich mir zunutze machen. Das muss man nicht alleine ­machen, sondern man kann, man sollte sich sogar Unterstützung suchen, sozusagen einen Co-Piloten. Eine wohlmeinende, affirmative, aber zugleich distanzierte und unbestechliche Person. Sie darf von der Krise nicht selbst betroffen sein, damit sie wirklich zur Analyse ­beitragen kann. In jedem Fall muss es jemand sein, für den Scheitern kein Tabu, kein Schrecken ist.

Was ist das Ziel dieser Analyse im Helikoptermodus?

Es geht darum, wieder positiv denken zu können. Grundlage dafür ist, sich seine Wünsche und Stärken bewusst zu machen. Was will ich? Was kann ich gut?  Wie kann ich das nutzen, um eine neue Perspektive zu bekommen? Wesentlich ist Gedankenhygiene. Die grübelnde Rückschau ist genauso abträglich wie angstvolle Blicke in eine ungewisse Zukunft. Wenn wir immer über den negativen Ausgang nachdenken, tun wir unbewusst alles dafür, dass es tatsächlich so übel kommt, wie wir es vorhersehen. Die klassische „self-fulfilling prophecy“.

Ist das, was Therapeuten und Psychologen Resilienz nennen, also keine gegebene Eigenschaft, sondern eine Haltung oder Verhaltensweise?

Es ist eine Strategie und damit auch erlernbar. Wobei ich ­„Resilienz“ übersetzen möchte: Für mich geht es dabei um mentale und emotionale Widerstandsfähigkeit. Diese entwickelt man durch den unbedingten Willen und auch den unerschütterlichen Glauben daran, diese Niederlage und Niederlagen generell überleben zu können. Diese Strategie ist eine Methode der Selbstbehauptung, der Selbstermächtigung gegenüber der kulturell bedingten Tabuisierung des Scheiterns und der Gescheiterten.

Das klingt nicht gerade leicht…

Ach, ich meine es hilft schon enorm sich eines bewusst zu ­werden: Jede Krise hat auch ein Ende. Klingt komisch, ist aber so. Dass es stimmt, merkt man, wenn man Ballast abwirft, zum ­Beispiel das dicke Auto, dessen Leasingraten drücken, durch ein einfacheres ersetzt. Wenn man die teure Sportausrüstung verkauft oder in eine kleinere Wohnung zieht. Schon atmet man leichter. Man tut aktiv etwas zur Entspannung der Situation – und es tut auch gar nicht so weh! Am wichtigsten aber: Man belohne sich! Jeder kleine Fortschritt sollte gefeiert werden. So kommt das positive Denken ganz von allein.

Zum Abschluss noch eine Frage zu Ihrem Bonmot und Vortragstitel „Wie eiKoffer ohne Griff“. Wie kamen Sie darauf?

Ich habe mal, ich glaube von einem Russen, die Redewendung gehört „Das ist wie ein Koffer ohne Griff“. Gemeint war etwas eigentlich Unbrauchbares, Defektes, wenigstens Unbequemes, auf das man aber nicht verzichten kann. Ich finde, genau so geht es uns mit unseren Niederlagen. Sie sind nicht leicht zu tragen und zu ertragen, aber wir sollten sie trotzdem nicht einfach abschreiben!

Scheitern ist das große „Tabu der Moderne“, wie der amerikanische Sozialwissenschaftler Richard Sennett festgestellt hat. Felix Maria Arnet hat es erlebt. Vom Leben als erfolgreicher Werbeunternehmer, der in den Chefetagen großer deutscher Unternehmen Zuhause war und der auch als Rennfahrer auf der Überholspur unterwegs war, musste er sich von heute auf morgen verabschieden. In seinem neuen Buch „Brutal gescheitert! Wie der Start in ein neues Leben gelingt“ offenbart Arnet nicht nur, wie sich die Krise mit Scham und Schuldgefühlen in ihn hineingefressen hat, sondern er erörtert, warum das Scheitern in unserer Leistungsgesellschaft verdrängt wird, obwohl es essentiell ist, um aus Misserfolgen Erfolge machen zu können. Mit speziell entwickelten praktischen Tipps und erprobten Tests und Übungen will der Autor auch anderen helfen, aus Fehlern zu lernen und so – wie Arnet es nennt – zu einem „persönlichen Wachstum“ zu gelangen. Das Buch ist bei GABAL erschienen.

 

„Mein Name ist Felix Maria Arnet und ich bin brutal gescheitert.“ Mit diesem Satz beginnt der Autor nicht nur sein Buch, sondern auch seine Vorträge, in denen er seine Geschichte erzählt. Nach seiner Bruchlandung hat sich Arnet neu erfunden. Heute arbeitet er als Berater, Vortragsredner und Coach. Deutschlandweit ist er in Sachen „Persönliches Wachstum“ unterwegs. Um in seinem Buch zu erklären, wie wichtig das Scheitern nicht nur für technische Innovationen, künstlerische Arbeiten oder für die unternehmerische und persönliche Entwicklung ist, reist Arnet zusammen mit dem Leser in die Welt der Kunst oder der Wissenschaft. Er zieht in verständlich geschriebenen Kapiteln eingehende Beispiele, Untersuchungen, Zahlen und Fakten heran, die untermauern, dass wir nicht die übertriebene Sehnsucht nach Erfolg zu unserem Lebensmotto machen sollten, sondern das Lernen als weiterführenden Überlebensimpuls. Zusammen mit den Beiträgen seiner persönlichen Geschichte ergibt sich so eine durchdringende Bestandsaufnahme und Mut machende Weiterentwicklung des Scheiterns als Philosophie für eine erschöpfte Gesellschaft, die ihre Prioritäten verschieben muss. Anhand seiner über Jahre gewonnenen Erkenntnisse und seiner eigenen Geschichte bietet Arnet kein todsicheres Rezept an, um Misserfolge besser verarbeiten zu können, sondern eine praktikable Handreichung. Denn Arnet ist sich sicher:

 

Versagen sollte nicht als Makel abgestraft werden. „Lebensläufe mit Kurven und Brüchen sind Ausdruck eines gelebten Lebens… wir sollten nicht erfolgsbesessen, sondern fehlerbesessen sein.“

Felix Maria Arnet

Brutal gescheitert!

Wie der Start in ein neues Leben gelingt

Mit einem Vorwort von René Borbonus

2018, Originalausgabe.

Taschenbuch, 216 Seiten.

Gabal

ISBN: 978-3869368740

€ 15,- [D]

Amazonlink

https://amzn.to/2UWbuJw

 

 

Über den Autor

Felix Maria Arnet, geboren 1968, gründete bereits mit 25 Jahren sein zweites Unternehmen, eine Werbeagentur. Seitdem hat er alle Höhen und Tiefen unternehmerischen Schaffens durchlebt. Seit über 25 Jahren berät er börsennotierte Unternehmen, Mittelständler und Führungspersönlichkeiten in allen Fragen der Organisationsentwicklung. Zudem ist Arnet ein sehr gefragter Coach, Trainer und Vortragsredner zum Thema „Schwierige Lebenssituationen“. 2015, als Arnet sich mit der LATTAL Enterprise Gesellschaft zur Unternehmensberatung wandelte, wurde er mit dem Change Award für die mutigste unternehmerische Veränderung ausgezeichnet. Er ist Autor des Buches „Gescheit scheitern“ und von „So kommen Frauen in Führung“ (GABAL). Er lebt und arbeitet in Wiesbaden und hat einen erwachsenen Sohn.

Mein Name ist Felix Maria Arnet und ich bin gescheitert. Brutal gescheitert. Ich habe mein Scheitern sogar ins Bild gebannt. Dieses Bild ziert ein Kaptitel meines  Buches. Ich habe mein Scheitern auch frühzeitig schon zu Papier gebracht, zunächst nur für mich, eine Mischung aus Tagebuch, Selbstgespräch, Fundstücken und Gedankenfetzen. Aber irgendwann kam mir der Gedanke, dass es dafür ein Publikum geben müsse. Schließlich ist Scheitern an der Tagesordnung. Scheitern passiert. Täglich, überall und jedem. Ich bin aus dem Schatten getreten und habe angefangen, öffentlich über mein Scheitern zu sprechen. Von anderen Vortragsredner wurde ich damals belächelt. Wer will denn das schon hören?! Wenn ich heute mit Kollegen aus der Speaker-Community zusammen bin, kommt oft die Frage: „Wann hat es sich denn nun mal ausgescheitert? Du bist doch jetzt so erfolgreich, wäre es nicht mal an der Zeit?!“ Nein. Solange Scheitern unser täglich Brot ist, wird es ein Thema sein, das Menschen aufhorchen lässt und bei dem sie sich öffnen. Der Beweis? Wenn ich in eine Runde mir unbekannter Menschen komme und man stellt sich vor, kommen die üblichen Posen, wie in einem notorischen Werbespot der Sparkasse: Mein Haus, mein Auto, mein Boot. Wenn dann die Reihe an mir ist, sage ich mein Sprüchlein auf, mein ‚Passwort für ehrliche Kommunikation’ wie ich es nenne: „Mein Name ist Felix Maria Arnet und ich bin brutal gescheitert.“ Nicht nur habe ich dann die ungeteilte Aufmerksamkeit, Ohr und Herz meiner Gesprächspartner. Mehr noch: Es werden ungemein interessante Gespräche. Denn plötzlich erzählt jeder seine Geschichte, die wahre. Vom Werbeunternehmer und Rennfahrer zum Bankrotteur zum Coach und Experten für persönliches Wachstum – ich habe Scheitern mit eigener Haut erlebt und teile im vorliegenden Buch meine Geschichte und meine Lehren aus ihr, ehrlich, authentisch und auf Augenhöhe. „Brutal gescheitert. Wie der Start in ein neues Leben gelingt“ ist ein neuartiges hybrides Format, Autobiographie und Ratgeber in einem. Denn mein Eindruck ist: Es gibt viele kluge Bücher über das Scheitern, fachlich hoch kompetent, umfassend und auf dem neuesten Stand der Wissenschaft, sprachlich elegant und souverän. Allein geschrieben sind sie nicht für Gescheiterte. Wer jeden Tag gegen Bedrohungen kämpft und versucht, sein Leben wieder in den Griff zu kriegen, wird von solchen Büchern schlicht eingeschüchtert und überfordert. Dieses hier ist hoffentlich anders und besser: ein innovatives nutzerorientiertes Format, das viele dankbare Leser finden wird.


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